Was Glocken uns verkünden
Das Geläut der Kirche Unterseen von Roland Linder und Martin Moser, Unterseen


Kurze Unterseener Kirchengeschichte

Zusammengefasst von Sibylle Hunziker, Unterseen

Die Kirche
Im 13. Jahrhundert wurde am Aareübergang auf dem "Bödeli" zwischen Thuner- und Brienzersee, einer strategisch wichtigen Stelle an den Passrouten nach Italien, die Stadt Unterseen gegründet. Wie archäologische Funde von 1985 vermuten lassen, wurde kurz nach der Stadtmauer am Standort der heutigen Kirche eine Kapelle gebaut - eine Filiale der Kirche Goldswil, in deren Pfarrsprengel Unterseen lag. Mit dem eigenen Kirchenbau dürfte die neue Stadt eine gewisse Unabhängigkeit demonstriert haben; zugleich war die Kapelle ein Standortvorteil, ersparte sie den Bürgern doch den weiten Weg zur Pfarrkirche Goldswil. 1470 brannte Unterseen vollständig nieder. Zum Teil mit finanzieller Hilfe Berns wurden die äusseren Häuserzeilen samt Kirche wieder aufgebaut. Der spätmittelalterliche Kirchenbau aus den Jahrzehnten nach dem grossen Stadtbrand blieb im Wesentlichen bis ins 19. Jahrhundert bestehen, der Kirchturm und der Grundriss des damals vergrösserten Chors sogar bis heute.

Ein grösserer Umbau war für die erste Orgel nötig, die verhältnismässig spät eingeführt wurde. Die 1844 eingeweihte Walpen-Orgel aus Luzern machte die Kirche Unterseen im Urteil der Zeitgenossen zu der Schönsten der Region. Da aber die Statik des Gebäudes nicht mehr stimmte, stürzte das Kirchendach samt einem Teil der Aussenmauern 1851 unter der Schneelast ein und zerstörte die Orgel vollständig. Das Unglück brachte dem chronisch verschuldeten Unterseen, das bereits sein Schulhaus verpfändet hatte, nicht nur Mitleid ein; so spottete Jeremias Gotthelf, nachdem sie nun keine Kirche mehr habe, werde die Gemeinde wohl auch gleich ihren Pfarrer auf die Gant geben.
Die neue Kirche, die mit Hilfe des Staates 1852/53 gebaut werden konnte, steht bis heute. Die neueste Orgel wurde 1956 von der Firma Kuhn in Männedorf gebaut. Sie steht wie ihre Vorgängerinnen (und wie die meisten Oberländer Kirchenorgeln) im Chor. Das Geläute ertönt in seiner heutigen Form seit 1902, als die letzten Kirchenglocken von Nationalrat Eduard Ruchti gestiftet wurden. Er war der Unterseener, der als Mitbegründer des modernen Kurortes Interlaken gilt.

Die letzten grösseren Bauarbeiten wurden 1985 im Zusammenhang mit der Installation einer Bodenheizung vorgenommen. Bei dieser Gelegenheit stiessen die Archäologen auf über hundert mittelalterliche Gräber - ein Beleg für frühe Emanzipationsbestrebungen der Bürger, die sich und ihre Angehörigen im Spätmittelalter zunehmend wie Adelige und kirchliche Würdenträger im Innern von Gotteshäusern bestatten liessen.

Die Kirchgemeinde
Die Seelsorger der Pfarrei Goldswil, die im Mittelalter auch für Unterseen zuständig waren, wurden vom Kloster Interlaken eingesetzt -dem mächtigsten Grund- und Kirchenherrn des Berner Oberlandes, mit dem die benachbarte Kleinstadt seit ihrer Gründung in einem harten Konkurrenzkampf stand.
Im frühen 16. Jahrhundert forderten die Unterseener mehr Autonomie in der Sorge für ihr Seelenheil. In reformatorischer Manier argumentierte die Gemeinde, sie wolle ihre Zehnten und Zinsen "einem erheben frommen priester" geben, "der inen auch trüwlichen vorstund und das wort Gottes verkünte, und nit einem, der inen widrig sige in dem glauben." Ein Jahr vor der Berner Reformation und der Auflösung der Klöster traten die Berner Schirmherren auf die Eingaben der Unterseener ein: Am 8. Oktober 1527 übertrugen sie der Stadt das Recht, ihren eigenen Pfarrer zu wählen und ihre (sowie bis 1685 auch die Habker) Kirchenzehnten einzuziehen und zu verwalten. Das Patronat und damit auch einen Teil der Besoldungspflichten trat die damals bitter arme Gemeinde 1826 dem Staat ab.
Obwohl Unterseen lange Zeit keine begehrte Pfarrei war, zeigte sich die Bevölkerung meist zufrieden mit ihren Pfarrern (und umgekehrt). Eine der seltenen Klagen traf Hans Jakob Häusermann (Unterseener Pfarrer 1656-80), der die Leute mit seinen langen und "verdrüssigen" Predigten von der Arbeit abhielt - und mit einer dreistündigen Standpauke am Neujahrsmorgen 1660 sogar von ihren üppigen Neujahrsbräuchen. Eher seinen Vorgesetzten als dem Kirchenvolk war hingegen Pfarrer Rudolf Abraham Sprüngli (in Unterseen 1782-1803) ein Dorn im Auge - ein beliebter Kanzelredner und begeisterter Jäger, der ob seiner Gemsjagd sogar eine Beerdigung vergass.
Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Unterseens Wohlstand und Bevölkerung wuchsen, bewilligte der Staat eine zweite Pfarrstelle, die in den neunziger Jahren schliesslich durch eine dritte, von der Kirchgemeinde selber getragene, ergänzt wurde. Dazu kamen Diakonissen, die 1960-2000 die Pfarrerinnen und Pfarrer in der Altersbetreuung unterstützten. Gewählt wurden die Pfarrer, ebenso wie die Kirchgemeinderäte, bis 1930 ausschliesslich von männlichen Kirchgemeindemitgliedern. Im Kanton Bern stand es den Kirchgemeinden zwar schon seit 1917 frei, das allgemeine Stimm- und Wahlrecht einzuführen; in Unterseen dauerte es aber noch 13 Jahre, bis die Frauen das aktive Stimm- und Wahlrecht erhielten. Das passive Frauenwahlrecht folgte 1945; die erste Frau hielt 1950 in den Kirchgemeinderat Einzug.


Das kirchliche Leben - vom Gottesdienst bis zur Kirchgemeindeversammlung, vom Chor- und Sittengericht bis zur Unterweisung, von der Sonntagsschule bis zu den Proben des Kirchenchors - spielte sich bis Mitte 20. Jahrhundert in der Kirche ab, dazu kam das Pfarrstübli im Amthaus.
Erste Pläne für einen Saalbau an der Kirchgasse scheiterten 1945 an Geldmangel. 1963 schliesslich kaufte die Kirchgemeinde das "Grabenhüsi" - ein erstes, bescheidenes Kirchgemeindehaus, an das heute nur noch Fundamente unter dem Pavillon in den Schrebergärten erinnern. 1967 folgte das Schloss, das seither eine Pfarrwohnung beherbergt und verschiedensten Aktivitäten Raum bietet - so etwa dem zweitägigen "Schlossfest" im Advent, dessen Erlös jeweils einem langfristig geförderten Entwicklungsprojekt zugute kommt. Die auf absehbare Zeit letzte räumliche Erweiterung wurde 2001 mit dem Zentrum Futura an der Kirchgasse abgeschlossen. Das Stockwerkeigentum der modernen Überbauung hat verschiedene Provisorien abgelöst und wird von der Jugend- bis zur Altersarbeit genutzt. Die Räume können für private Anlässe gemietet werden.


Weiterführende Literatur:
- Jan C. Remijn, Kirchengeschichte von Unterseen (Interlaken, 1979)
- Peter Eggenberger, Heinz Kellenberger, Xavier Münger, Susi Ulrich-Bochsler, Kirche Unterseen, Archäologische Grabung 1985 ()
- Ernst Schläppi, Ein Beitrag zur Geschichte Unterseens, von den Anfängen bis zur Reformation (Interlaken, 1979)
- Susi Ulrich-Bochsler, Anthropologische Befunde zur Stellung von Frau und Kind in Mittelalter und Neuzeit (Bern 1997)